Wahlergebnisse werden meist über eine einzige Frage gelesen: Welche Partei hat wie viele Stimmen bekommen. Diese Analyse betrachtet stattdessen zwei andere Kennzahlen — die Wahlbeteiligung (der Anteil der eingetragenen Wähler, die abgestimmt haben) und den Anteil ungültiger Stimmen. In İstanbul und Ankara zeigen diese beiden Kennzahlen auf Stadtviertel-Ebene deutliche geografische Unterschiede.
Bei der Beteiligung fällt zuerst auf, wie gering die Unterschiede zwischen den Stadtvierteln sind. In beiden Städten ist die Beteiligung bemerkenswert einheitlich: Mittelwert wie Median liegen bei rund 90 %. Die Wahlbeteiligung in der Türkei ist allgemein hoch; in İstanbul und Ankara haben — unabhängig von Einkommen oder Viertel — die meisten Stadtviertel im Bereich 88–92 % gewählt. Es gibt also kein Gesamtbild, das es erlauben würde, bestimmte Viertel als "politikfern" zu bezeichnen.
Allerdings hat diese homogene Verteilung auch ihre Ausreißer. In sehr wenigen Stadtvierteln sinkt die Beteiligung unter 70 %, in einem sogar unter 50 %:
| Bezirk · Stadtviertel | Wähler | Beteiligung |
|---|---|---|
| Ankara · Altındağ — Hacı Bayram | 2.391 | 49,4 % |
| İstanbul · Beyoğlu — Şehit Muhtar | 925 | 69,1 % |
| İstanbul · Fatih — Katip Kasım | 925 | 72,8 % |
| İstanbul · Beyoğlu — Çukur | 1.486 | 72,9 % |
| İstanbul · Beyoğlu — Kamer Hatun | 587 | 73,4 % |
| İstanbul · Beyoğlu — İstiklal | 3.428 | 75,2 % |
| İstanbul · Zeytinburnu — Kazlıçeşme | 2.759 | 76,6 % |
Bu liste rastgele değil. İstanbul ayağı neredeyse tümüyle İstiklal–Beyoğlu çekirdeği ile tarihi Fatih'ten oluşuyor: şehrin ticari ve turistik merkezi, konut yoğunluğu düşük semtler. Ankara ayağının başındaki Hacı Bayram ise başkentin en eski mahallelerinden biri; tarihî dokusu, yıllardır tamamlanmamış kentsel dönüşümü ve önemli ölçüde değişmiş nüfusuyla öne çıkıyor.
Eine einzelne Wahl zu betrachten und zu erklären, "diese Stadtviertel sind desinteressiert", wäre irreführend; eine niedrige Beteiligung bei einer Wahl kann auch von Umständen herrühren, die diesem Tag eigen sind. Um das zu prüfen, haben wir dieselben Stadtviertel über vier Wahlen in vier verschiedenen Jahreszeiten verfolgt: Herbst, Frühling, Sommer und Spätfrühling.
İstanbuls Durchschnitt liegt bei jeder Wahl bei 88–91 %. Diese Stadtviertel liegen jedes Mal 15–20 Punkte darunter.
| Stadtviertel (Beyoğlu/Fatih) | Nov '15 | Apr '17 | Jun '18 | Mai '23 |
|---|---|---|---|---|
| Şehit Muhtar | 72 | 71 | 73 | 69 |
| Kamer Hatun | 73 | 76 | 77 | 73 |
| Çukur | 77 | 77 | 73 | 73 |
| İstiklal | 73 | 75 | 77 | 75 |
| Katip Kasım (Fatih) | 77 | 70 | 70 | 73 |
Aber warum? Hier bringt uns die Datenlage nur bis zu einem Punkt, nicht weiter. Während İstanbuls eingetragene Wählerschaft von 2015 bis 2024 um 10 % wuchs, ist die Wählerschaft dieser Stadtviertel im Gegenteil geschrumpft: in Çukur um 28 %, in Katip Kasım um 26 %, in Şehit Muhtar um 21 %. Es sind also zentrale Viertel, die ausdünnen und schrumpfen, während die Stadt wächst.
Die plausibelste Erklärung ist eine Diskrepanz zwischen Wählerregistrierung und tatsächlichem Wohnsitz: Eine Person kann im Melderegister noch an einer zentralen Adresse geführt werden, während sie anderswo lebt, und taucht deshalb an jenem Wahllokal nicht auf. Es wäre jedoch unredlich zu behaupten, die Stimmzetteldaten würden das beweisen. Hinter der niedrigen Beteiligung kann diese Registrierungs-Wohnsitz-Diskrepanz stecken, ebenso aber eine ganz andere Bewohnerschaft. Um beides sauber zu trennen, müsste man neben die Wählerzahl adressbasierte Daten zur tatsächlichen Bevölkerung stellen; diese Daten haben wir nicht. Deshalb nennen wir die Tatsache klar — die Beteiligung in diesen Zentren ist dauerhaft niedrig — erheben aber keinen festen Anspruch auf die Ursache.
Ungültige Stimmen bleiben in beiden Städten niedrig: im Schnitt rund 1,5 % (1,45 % in İstanbul, 1,61 % in Ankara). Doch auch hier gibt es ein Extrem — und diesmal eine Geografie, die der Beteiligung genau entgegengesetzt ist. Die höchsten Anteile ungültiger Stimmen ballen sich nicht im Stadtkern, sondern auf dem Land:
| Bezirk · Stadtviertel | Ungültig |
|---|---|
| Ankara · Şereflikoçhisar — Sarıkaya | 5,60 % |
| İstanbul · Şile — Göce | 5,48 % |
| Ankara · Haymana — Sındıran | 5,44 % |
| Ankara · Şereflikoçhisar — Akseki | 5,25 % |
| Ankara · Beypazarı — Zafer | 4,97 % |
| İstanbul · Şile — Geredeli | 4,50 % |
| Ankara · Şereflikoçhisar — Sanayi | 4,28 % |
Drei- bis viermal der Durchschnitt. Die Liste ballt sich im ländlichen Süden und Westen Ankaras — besonders in Şereflikoçhisar, das mit vier Stadtvierteln in den Top Ten vertreten ist — und in İstanbuls Walddörfern, Şile und Çatalca. In dichten städtischen Vierteln sind ungültige Stimmen selten.
Auch dieses Muster haben wir nicht einer einzelnen Wahl überlassen. Wir haben die Stadtviertel nach der bei der Parlamentswahl 2023 erstplatzierten Partei gruppiert und den Anteil ungültiger Stimmen über vier verschiedene Wahlen nebeneinandergestellt:
Stadtviertel-Gruppen nach dem Parlamentssieger 2023. Stadtviertel, in denen die AK Parti vorn lag, zeigen bei jeder Wahl einen höheren Anteil ungültiger Stimmen.
| Parteibasis | 2018 Präs. | 2023 Präs. | 2023 Parl. | 2024 Kommunal |
|---|---|---|---|---|
| ● AK Parti vorn | 2,09 % | 1,71 % | 2,42 % | 4,11 % |
| ● CHP vorn | 1,41 % | 1,17 % | 1,59 % | 2,58 % |
Der Befund selbst ist klar und robust: In Stadtvierteln, in denen die AK Parti vorn lag, ist der Anteil ungültiger Stimmen in allen vier der vier Wahlen etwa das 1,5-Fache der Viertel, in denen die CHP vorn lag. Keine auf eine Wahl beschränkte Abweichung, sondern ein wiederkehrendes, konsistentes Muster — und der Unterschied ist keineswegs klein. Entscheidend ist, wie wir ihn lesen, denn hier zieht man sehr leicht den falschen Schluss. Diese Tabelle bedeutet nicht "AK-Parti-Wähler geben mehr ungültige Stimmen ab". Was die ungültigen Stimmen bestimmt, ist weit mehr das Profil des Stadtviertels als die Partei: Die Orte mit den höchsten Anteilen waren großteils ländliche Siedlungen — und dort sind in der Türkei AK Parti und MHP stark. Auch die Forschung weist in dieselbe Richtung: Je niedriger Alphabetisierung und Bildungsniveau, desto höher der Anteil ungültiger Stimmen. Kurz: Der beobachtete Unterschied spiegelt höchstwahrscheinlich nicht die Absicht der Wähler wider, sondern das sozioökonomische Gefüge des Stadtviertels (Ländlichkeit, Bildungsniveau).
Um das zu prüfen, haben wir untersucht, ob der Unterschied allein von der Ländlichkeit herrührt. Das Ergebnis: Selbst wenn man die ländlichen Stadtviertel ganz herauslässt und nur städtische İstanbuler Bezirke betrachtet, zeigen Viertel mit AK-Parti-Führung weiterhin mehr ungültige Stimmen als CHP-Viertel — 1,51 % gegenüber 1,05 %, also auch hier rund das 1,4-Fache. Der Unterschied lässt sich somit nicht allein durch den Stadt-Land-Gegensatz erklären; auch sozioökonomische Faktoren wie Bildung, Alter und Einkommen dürften eine Rolle spielen. Das zu sichern, erfordert aber demografische Daten jenseits des Stimmzettels — was wir haben, ist eine Korrelation, keine Ursache.
Kurz gesagt, die niedrige Beteiligung konzentriert sich vor allem in den zentralen, ausdünnenden Stadtvierteln der Stadt; dahinter steht höchstwahrscheinlich ein Faktor aus Bevölkerung und Wohnsitz, der sich mit Stimmzetteldaten jedoch nicht eindeutig belegen lässt. Hohe Anteile ungültiger Stimmen sammeln sich hingegen in ländlichen Vierteln mit anderem sozioökonomischem Profil. Beide Kennzahlen hängen nicht mit Parteien zusammen, sondern mit den demografischen und siedlungsbezogenen Merkmalen der Stadtviertel — zwei Schichten, die unter der üblichen "Wer hat gewonnen"-Lesart einer Wahl liegen.
Daten und Methode. Quelle: Hoher Wahlrat (YSK), Stadtviertel-Ebene. Hauptquerschnitt: erste Runde der Präsidentschaftswahl am 14. Mai 2023; İstanbul und Ankara; Stadtviertel mit ≥500 Wählern; institutionelle Einheiten wie Gefängnisse ausgeschlossen (1.374 Stadtviertel). Beteiligung = abgegebene Stimmen / eingetragene Wähler. Anteil ungültiger Stimmen = ungültige Stimmen / abgegebene Stimmen. Persistenztests mit den Wahlen vom 1. November 2015, 16. April 2017, 24. Juni 2018 und 31. März 2024; die Parteibasis wurde anhand des Parlamentsergebnisses vom 14. Mai 2023 bestimmt. Der Mechanismus (Registrierungs-Wohnsitz-Diskrepanz, Bildungseffekt) ist eine durch Korrelation und externe Quellen gestützte Interpretation; er lässt sich aus Stimmzetteldaten allein nicht beweisen. Individuelles Wahlverhalten lässt sich nicht aus aggregierten Daten ableiten.