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Analyse der Woche

Wo schrumpfte die Wahlurne, während die Stadt wuchs?

Acht Jahre Wählerwanderung in İstanbul und Ankara: die Karte der registrierten Wähler von 2015 bis 2023 Viertel für Viertel neu gezeichnet — und die überraschend geringe Wirkung dieser Wanderung auf die Wahlpräferenzen.

15. Juli 2026 · Offizielle YSK- und TÜİK-Daten · Viertel-/Bezirksebene

Haltung. Diese Analyse betrachtet zuerst die geografische Bewegung der Wählerschaft, nicht die Parteien. Die Zahlen beruhen auf den Wählerzahlen des Hohen Wahlrats (YSK) und den Bevölkerungsdaten von TÜİK; keine Zahl ist eine Schätzung. Aussagen zur Wahltendenz beruhen auf Viertel-Durchschnitten und lassen keinen Rückschluss auf individuelles Wahlverhalten zu.

Wenn wir eine Wahl bewerten, richten wir den Blick meist auf eine einzige Frage: Wie haben sich die Stimmen der Parteien verändert? Doch bevor sich Stimmenanteile ändern, verschiebt sich oft etwas Leiseres zuerst — die Wählerschaft selbst, also der Ort, an dem die Menschen leben, die zur Wahlurne gehen werden. In diesem Beitrag lassen wir die Parteien beiseite und blicken nur auf diese Grundlage. Wie wurde die Wählerkarte der beiden größten Städte, İstanbul und Ankara, in den acht Jahren von der Parlamentswahl am 7. Juni 2015 bis zur Parlamentswahl am 14. Mai 2023 neu gezeichnet? Die kurze Antwort: Während die Stadt wuchs, leerte sich das Zentrum und füllte sich die Peripherie; doch diese tiefgreifende Verlagerung prägte die Wahlpräferenzen weniger, als man denken würde.

Die Stadt wuchs, aber nicht überall

In acht Jahren stieg İstanbuls registrierte Wählerschaft von 10,24 Millionen auf 11,37 Millionen — ein Nettozuwachs von 1,13 Millionen, also 11 Prozent. In Ankara war das Tempo noch höher: Die Wählerschaft kletterte von 3,71 Millionen auf 4,29 Millionen, ein Plus von 15,7 Prozent. Doch dieses Wachstum verteilte sich nicht gleichmäßig. Unter den Gesamtzahlen liegen zwei entgegengesetzte Geografien: eine sich füllende Peripherie und ein sich leerendes Zentrum.

İstanbul: eine sich füllende Peripherie, ein sich leerendes Zentrum

Die am schnellsten wachsenden Bezirke liegen fast alle am äußeren Ring der Stadt, geballt in Neubau- und Siedlungsgebieten. Sancaktepes registrierte Wählerschaft wuchs in acht Jahren um 54 Prozent, von 222.000 auf 343.000. Arnavutköy legte um 52 Prozent zu, Başakşehir und Beylikdüzü um 44 Prozent, Çekmeköy um 41 Prozent. In absoluten Zahlen war der Spitzenreiter mit großem Abstand Esenyurt: Allein hier kamen 185.000 neue Wähler hinzu, von 458.000 auf 643.000 — ein Zuwachs, der der gesamten Wählerschaft eines mittelgroßen Bezirks entspricht.

In den historischen, zentralen Bezirken drehte sich die Nadel in die andere Richtung. Das deutlichste Beispiel ist Fatih: Die registrierte Wählerschaft fiel um 12,7 Prozent, von 303.000 auf 265.000, ein Verlust von 38.600 Wählern in acht Jahren. Es folgten Güngören, Beşiktaş, Zeytinburnu, Beyoğlu und Şişli. Etablierte Zentren wie Kadıköy, Bakırköy und Üsküdar traten in einer wachsenden Stadt praktisch auf der Stelle.

İstanbul: Veränderung der registrierten Wähler nach Bezirk, 2015 → 2023

Prozentuale Veränderung. Grüne Balken sind wachsende Randbezirke; rote Balken sind schrumpfende Zentrumsbezirke.

Wähler mehr (Peripherie)Wähler weniger (Zentrum)
Sancaktepe
+54,2%
Arnavutköy
+52,0%
Başakşehir
+43,9%
Beylikdüzü
+43,6%
Çekmeköy
+40,8%
Esenyurt
+40,4%
Beyoğlu
−4,2%
Zeytinburnu
−5,2%
Beşiktaş
−7,9%
Güngören
−9,0%
Fatih
−12,7%
Quelle: YSK-Offendaten. Registrierte Wählerzahlen bei den Parlamentswahlen am 7. Juni 2015 und 14. Mai 2023. Die Grafik zeigt die 6 am stärksten wachsenden und 5 am stärksten schrumpfenden Bezirke.

Ankara: eine boomende Peripherie, ein Zentrum, das hielt

In Ankara wuchs die Peripherie noch schärfer, doch eine Zentrumserosion fand nicht statt. Etimesgut wuchs in acht Jahren um 30 Prozent und gewann allein 108.000 Wähler hinzu; Pursaklar, Gölbaşı und Kahramankazan wuchsen um rund 32 Prozent, Akyurt um 51 Prozent. Die großen zentralen Bezirke schrumpften dagegen nicht: Çankaya legte um 5,8 Prozent zu, Keçiören um 9,5 Prozent. Wählerverluste zeigten sich nur in ländlichen Bezirken wie Nallıhan, Haymana und Ayaş. Ankaras Geschichte liest sich also nicht als „das Zentrum leerte sich", sondern als „die Schere zwischen Peripherie und Land öffnete sich" — die Zentrumserosion ist ein Phänomen, das İstanbul eigen ist.

Ankara: Veränderung der registrierten Wähler nach Bezirk, 2015 → 2023

Prozentuale Veränderung. Randbezirke wuchsen, während ländliche Bezirke schrumpften; das Zentrum (Çankaya, Keçiören) legte moderat zu.

Wähler mehrWähler weniger (ländlich)
Akyurt
+51,4%
Kahramankazan
+34,0%
Gölbaşı
+32,7%
Pursaklar
+32,1%
Etimesgut
+30,4%
Sincan
+20,6%
Mamak
+18,6%
Keçiören
+9,5%
Çankaya
+5,8%
Ayaş
−0,7%
Haymana
−3,9%
Nallıhan
−6,4%
Quelle: YSK-Offendaten. Registrierte Wählerzahlen bei den Parlamentswahlen 2015 → 2023. Es wird derselbe Maßstab verwendet, vergleichbar mit der İstanbul-Grafik.

Was sagt die Bevölkerung?

Diese Bewegung bei den registrierten Wählern deckt sich mit den offiziellen Bevölkerungsdaten — aber mit einem lehrreichen Detail. Bevölkerungswachstum und Wählerwachstum schreiten nicht in jedem Bezirk gleich schnell voran. In Başakşehir sind die beiden nahezu identisch: Sowohl Bevölkerung als auch Wählerschaft wuchsen um 44 Prozent. In Sancaktepe dagegen wuchs die Wählerschaft (54 Prozent) deutlich schneller als die Bevölkerung (39 Prozent). Der Grund ist demografisch: In einem Bezirk wie Sancaktepe, der sich nach 2008 mit jungen Familien füllte, wurden die Kinder jener Jahre binnen acht Jahren volljährig und damit wahlberechtigt. Tatsächlich stieg das Verhältnis von Wählern zu Einwohnern im Bezirk von 63 auf 70 Prozent. Kurz gesagt: Die Randbezirke zogen nicht nur Menschen an; mit ihrer Reifung wuchsen ihre Wählerverzeichnisse sogar schneller als ihre Bevölkerung. Auf der sich leerenden Seite ist das Bild spiegelbildlich: Fatih verlor sowohl 63.000 Einwohner als auch 38.000 Wähler.

BezirkRegistrierte Wähler 2015→2023Bevölkerung 2015→2023
Esenyurt+40% · 458→643 Tsd.+32% · 743→978 Tsd.
Sancaktepe+54% · 223→343 Tsd.+39% · 355→493 Tsd.
Başakşehir+44% · 221→318 Tsd.+44% · 353→510 Tsd.
Etimesgut (Ankara)+30% · 355→463 Tsd.+17% · 528→617 Tsd.
Çankaya (Ankara)+6% · 678→717 Tsd.+2% · 923→938 Tsd.
Beyoğlu−4% · 175→168 Tsd.−10% · 242→219 Tsd.
Fatih−13% · 303→265 Tsd.−15% · 419→356 Tsd.

Bevölkerungszahlen: TÜİK Adressbasiertes Bevölkerungsregister. Ankaras zentraler Bezirk Çankaya hielt sich bei Bevölkerung wie Wählerschaft; İstanbuls Fatih verlor beides. Die Zentrumserosion bleibt somit İstanbul eigen.

Änderten sich die Wähler oder ihre Meinung?

Alles bisher betraf, wo die Wähler sind. Doch veränderte diese tiefgreifende Verlagerung das Ergebnis an der Wahlurne im gleichen Maße? Die Intuition sagt Ja: In einem Esenyurt, dessen Wählerschaft fast zur Hälfte erneuert wurde, würden wir erwarten, dass auch die Stimmenverteilung auf den Kopf gestellt wird. Die Daten geben eine nüchternere Antwort.

Von 2015 bis 2023 fiel die Stimme der AK-Partei in fast jedem Viertel İstanbuls; zudem blieb dieser Rückgang in einem engen Band von vier bis sieben Punkten — in der boomenden Peripherie wie im stagnierenden Zentrum gleichermaßen. Mit anderen Worten: Der Verlust der AK-Partei war weitgehend eine einheitliche, landesweite Welle, nicht das Werk neuer Wähler in bestimmten Vierteln. Auf Viertel-Ebene ist der Zusammenhang zwischen Wählerwachstum und der Veränderung der AK-Partei-Stimme nur schwach: Schnell wachsende Viertel entfernten sich etwas weiter von der Partei, doch der Unterschied ist gering.

Wohin der Verlust ging, ist eine Geschichte für sich. In den wachsenden Randbezirken verloren alle vier großen Parteien von 2015 an Boden: Die AK-Partei fiel um etwa 5 Punkte, die MHP um 3,7 und die HDP-nahe Grüne Linke Partei um 4,3; selbst die CHP sank um 1 Punkt. Die Gewinner waren dagegen Parteien, die 2015 gar nicht auf dem Stimmzettel standen — die İYİ-Partei holte 6,6 Punkte, Neue Wohlfahrt (Yeniden Refah) 3,6, die TİP 3,6 und die Zafer-Partei 2,7. Die von der AK-Partei abgegebene Stimme floss also nicht zur CHP; sie verteilte sich weitgehend auf Neue Wohlfahrt und Zafer im rechten sowie die İYİ-Partei im mitte-rechten Spektrum. Dieses Bild ist weniger ein den Randbezirken eigener Bruch als die lokale Widerspiegelung der allgemeinen Fragmentierung, die die türkische Politik in diesen acht Jahren durchlief.

Die eigentliche Lehre ist, das Ergebnis nicht auf eine einzige Ursache zu reduzieren. Wenn sich Parteistimmen in einem Bezirk ändern, können wir das weder allein als „die Wähler änderten ihre Meinung" noch allein als „die Bevölkerung änderte sich, also änderte sich die Stimme" lesen. Im Fall İstanbul war der ausschlaggebende Faktor jenseits beider Erklärungen ein landesweit gemeinsam verlaufender politischer Trend. Die Wählergeografie wurde tiefgreifend neu gezeichnet; doch die Wahlpräferenzen bewegten sich weniger mit dieser neuen Karte als mit dem allgemeinen Lauf der nationalen Politik. Diese Vergleiche beruhen auf dem kollektiven Durchschnitt von Vierteln, nicht von einzelnen Wählern; sie zeigen daher eine allgemeine Tendenz, kein individuelles Profil.

Fazit

In acht Jahren wurde die Wählerkarte von İstanbul und Ankara tiefgreifend neu gezeichnet: Historische Zentrumsbezirke verloren Wähler, während die Neubaugebiete an der Peripherie jeweils so viele Wähler gewannen wie ein mittelgroßer Bezirk. Das ist eine reale, überprüfte Bevölkerungsbewegung. Doch in denselben acht Jahren änderten sich die Wahlpräferenzen weniger mit dieser dramatischen Karte als mit dem gemeinsamen nationalen Trend. Die Stadt wurde neu geordnet; aber die Dimension der Wahlurne, die sich wirklich änderte, war ihr Ort, nicht ihre Farbe.

Verwandte Seiten. Alle Wahlergebnisse dieser Städte — auf Provinzebene seit 1983, mit Kreis- und Stadtteilaufschlüsselung ab 2009: Wahlergebnisse İstanbul → · Wahlergebnisse Ankara →

Daten und Methode. Quelle: Hoher Wahlrat (acikveri.ysk.gov.tr), Wählerzahlen auf Viertel-Ebene; Bevölkerung aus dem TÜİK Adressbasierten Bevölkerungsregister. Der Vergleich erfolgte zwischen zwei Wahlen desselben Typs — den Parlamentswahlen am 7. Juni 2015 und 14. Mai 2023 — sodass die Verzerrung durch die unterschiedlichen Wähleruniversen von Kommunal- und Parlamentswahlen ausgeschlossen ist. Mehr als 99 Prozent der Viertel in İstanbul und Ankara stimmen über die beiden Wahlen hinweg mit derselben Identität überein; die gemessene Veränderung stammt aus realer Wählerbewegung, nicht aus administrativen Grenzverschiebungen. Die Bezirkssummen stimmen mit den offiziellen YSK-Bulletins bis auf wenige Tausendstel (wegen Auslands- und mobiler Wahlurnen) überein.

Grenzen. Aussagen zur Wahltendenz beruhen auf Viertel-Durchschnitten und lassen keinen sicheren Rückschluss auf individuelles Wahlverhalten zu (die grundlegende Grenze der ökologischen Inferenz). „Allgemeine Fragmentierung" ist eine Deutung; der numerische Befund ist der Anstieg des gemeinsamen Anteils der neuen Parteien. Diese Seite ist Teil der regelmäßigen Reihe „Analyse der Woche".

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