Zwischen zwei Parlamentswahlen scheint sich İstanbuls Gesamtbild kaum verändert zu haben. Doch steigt man auf die Ebene der Stadtviertel hinab, ist die Bewegung weitaus schärfer: Manche Bezirke schwenkten in die eine Richtung, während der unmittelbar daneben sich völlig anders verhielt.
In ganz İstanbul veränderte sich die Parlamentswahl-Stimme von 2018 bis 2023 wie folgt (als Prozentsatz der gültigen Stimmen):
Parlamentswahl, als Prozentsatz der gültigen Stimmen. Rechts = gestiegen, links = gefallen.
Das aggregierte Bild scheint zu sagen „kaum etwas hat sich geändert“. Die eigentliche Geschichte liegt in den Stadtvierteln.
In İstanbuls zentralen, kosmopolitischen Bezirken (Cihangir, Beyoğlu, Şişli, Adalar) geschahen in einem einzigen Bild zwei Dinge gleichzeitig: Der Anteil von Yeşil Sol / HDP fiel stark, der Anteil der CHP stieg — und das auch noch in denselben Stadtvierteln.
Ausgewählte zentrale Stadtviertel · Veränderung des Stimmenanteils (Punkte), 2018 → 2023. Links (lila) = Rückgang von Yeşil Sol/HDP, rechts (rot) = Anstieg der CHP.
Dies ist die Überlagerung zweier Bilder am selben Ort: die Stadtviertel, in denen Yeşil Sol/HDP am stärksten fiel, sind zu einem großen Teil die Stadtviertel, in denen die CHP am stärksten stieg. Dass beide sich in entgegengesetzte Richtungen bewegten, legt nahe, dass sich in diesen kosmopolitischen Bezirken die linke/oppositionelle Stimme unter dem CHP-Dach konzentrierte.
Betrachtet man alle 647 Stadtviertel, fällt Folgendes auf: Es gibt kein einziges İstanbuler Stadtviertel, in dem die AK Parti ihren Anteil nennenswert erhöht hat. Selbst in dem Stadtviertel, in dem sie am stärksten „stieg“, liegt der Zuwachs unter 1 % (Silivri/Akören, +0,6 Punkte); überall sonst war er entweder gleichbleibend oder fallend. Und wo sie fiel, fiel sie am stärksten in ihren eigenen peripheren Hochburg-Stadtvierteln — den nördlichen Dörfern von Beykoz, Çatalca, Tuzla — und merklich in einigen urbanen Stadtvierteln:
| Bezirk · Stadtviertel | 2018 | 2023 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Beykoz · Poyrazköy | 74,6 % | 57,0 % | −17,7 |
| Kadıköy · Dumlupınar | 41,4 % | 24,4 % | −17,0 |
| Çatalca · Karacaköy Merkez | 52,9 % | 37,8 % | −15,2 |
| Beykoz · Cumhuriyetköy | 60,5 % | 45,3 % | −15,1 |
| Tuzla · Orhanlı | 59,8 % | 45,0 % | −14,8 |
| Sultangazi · Malkoçoğlu | 72,7 % | 59,7 % | −13,1 |
Kadıköy/Dumlupınar ist ein perfekter Spiegel: Die AK Parti verlor hier −17 Punkte, während die CHP +15 Punkte gewann.
Die Stadtviertel, in denen die CHP ihren Anteil am stärksten erhöhte, sind geografisch konsistent: das Stadtzentrum und vergleichsweise einkommensstärkere Bezirke.
| Bezirk · Stadtviertel | 2018 | 2023 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Adalar · Kınalıada | 33,0 % | 48,4 % | +15,3 |
| Kadıköy · Dumlupınar | 27,5 % | 42,3 % | +14,9 |
| Beyoğlu · Kılıçali Paşa | 41,8 % | 54,3 % | +12,5 |
| Şişli · Bozkurt | 41,1 % | 53,1 % | +12,1 |
| Üsküdar · Kandilli | 50,3 % | 61,9 % | +11,6 |
| Beşiktaş · Akat | 54,3 % | 64,5 % | +10,1 |
Wo die CHP hingegen fiel, war das ländliche West-İstanbul: die Dörfer von Silivri und Çatalca (zwischen −6 und −11 Punkten).
Die İYİ Parti bewegte sich in ganz İstanbul kaum (8,1 % → 8,2 %). Auch auf Stadtviertel-Ebene waren die Bewegungen klein und verstreut: ein begrenzter Anstieg in einigen westlichen/einkommensstärkeren Stadtvierteln (am stärksten Çatalca/Fatih +8,2) und ein Rückgang im ländlichen Çatalca. Sie bildete kein klares geografisches Muster.
Daten und Methode. Quelle: Hoher Wahlrat (acikveri.ysk.gov.tr), Stadtviertel-Ebene. Wahlen: die Parlamentswahlen vom 24. Juni 2018 und vom 14. Mai 2023. Kennzahl: die Veränderung des gültigen Stimmenanteils jeder Partei in einem Stadtviertel zwischen den beiden Wahlen, in Prozentpunkten. Berücksichtigte Stadtviertel: jene mit ≥500 Wählern in beiden Wahlen und einer Veränderung der Wählerzahl unter 15 %; institutionelle Einheiten wie Gefängnisse ausgeschlossen (647 Stadtviertel). Bündnis-Summenzeilen wurden ausgeschlossen, um Doppelzählungen zu vermeiden. Yeşil Sol/HDP wurden als eine einzige Linie über 2018 (HDP) und 2023 (Yeşil Sol Parti) zusammengefasst. Eine individuelle Stimmenübertragung lässt sich aus aggregierten Daten nicht ableiten.